Wen Sie heute mit Führungskräften sprechen, setzen denen oft dieselben Dinge zu: zu wenig Zeit für Führungsaufgaben, zu hohe Belastung, zu viel Wandel, ständige Unterbrechungen, Personalmangel, steigende Anforderungen.
Die Antwort darauf scheint vielerorts ebenfalls klar zu sein: mehr Disziplin, mehr Einsatz, mehr Durchhaltevermögen. Mein Eindruck ist, dass viele Führungskräfte Leistung mit Härte sich gegenüber, und dann oft auch gegenüber den Mitarbeitern, verwechseln.
Dranbleiben, durchbeißen … Sie glauben, wer durchhält, gewinnt – und wer sich Erholung gönnt, hat noch nicht genug investiert. Doch genau hier liegt ein Denkfehler, den ich in vielen Unternehmen beobachte.
Die spannende Frage lautet deshalb nicht: Wie können Führungskräfte härter arbeiten? Sondern: Wie können sie dauerhaft leistungsfähig bleiben und gleichzeitig bessere Ergebnisse erzielen?
Die deutsche Arbeitsmoral hat ein Problem
In vielen Unternehmen herrscht noch immer ein Arbeitsverständnis, das stark von traditionellen Tugenden geprägt ist. Arbeit hat anstrengend zu sein. Freude ist Freizeit. Wer kurz innehält, macht vermeintlich weniger. Immer knapp an der Belastungsgrenze oder sogar darüber zu arbeiten, gilt als Gütesiegel.
Und so versuchen Führungskräfte ihre Leistung zu steigern, indem sie noch mehr Energie in einen ohnehin überlasteten Arbeitstag pressen. Sie bleiben länger im Büro, halsen sich immer mehr Meetings auf, versuchen immer mehr in immer weniger Zeit zu erledigen, indem sie sich keine Pausen gönnen.
Und das funktioniert bei vielen sehr guten Führungskräften ja auch: kurzfristig. Langfristig führt eine solche Haltung jedoch häufig zu sinkender Kreativität, dem Gefühl, nur noch Brände zu löschen, und zu Erschöpfung.
Meine Lösung, die ich, als ich davon gelesen habe, selbst ausprobiert habe, weil ich skeptisch war, dass die enormen Leistungssteigerungen, die von der Wissenschaft belegt wurden, auch in der Praxis funktionieren: in den Flow [LINK https://proprocess.de/fuerhungskraefte/] kommen.
Höchstleistung entsteht nicht durch Dauerbelastung
Flow beschreibt einen Zustand, in dem Menschen hoch konzentriert arbeiten, kreativ denken und außergewöhnliche Ergebnisse erzielen. Gleichzeitig fühlt sich die Arbeit leicht und stimmig an.
Das Entscheidende dabei: Flow entsteht nicht durch permanentes Arbeiten.
Der Weg dorthin folgt einem Muster. Nach einer intensiven Konzentrationsphase braucht das Gehirn einen bewussten Moment des Loslassens. Erst danach entsteht die Voraussetzung für den eigentlichen Flow-Zustand.
Genau an diesem Punkt scheitern viele Führungskräfte.
Sie wechseln direkt vom nächsten Meeting zur nächsten Entscheidung. Vom nächsten Problem zur nächsten E-Mail. Ihr Kopf bleibt dauerhaft im „Dranbleiben, durchbeißen“-Modus.
Wenn ich Führungskräften erkläre, dass gezielte Erholung, bewusste Kontextwechsel oder Flow-Zustände die Leistungsfähigkeit steigern können, reagieren die meisten zunächst interessiert. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse überzeugen. Doch sobald es um die Umsetzung geht, entsteht Widerstand: „Dafür haben wir keine Zeit.“, „Das passt nicht zu unserem Alltag.“, „Das wirkt etwas zu esoterisch.“
Es geht nicht um Räucherstäbchen
Dabei geht es weder um Räucherstäbchen noch um Wohlfühlprogramme. Es geht um die Frage, wie das menschliche Gehirn tatsächlich funktioniert. Es geht um Wissenschaft, um Zahlen, Daten, Fakten, die für bessere Ergebnisse sorgen.
Wer moderne Erkenntnisse über Leistung ignoriert, arbeitet oft nach einem Modell, das längst überholt ist.
Deswegen rate ich in der letzten Zeit Führungskräften häufiger dazu, es doch einmal auszuprobieren, in den Flow zu kommen.
Dabei spielt die konkrete Methode eine untergeordnete Rolle. Sie können eine Runde spazieren gehen. Oder kurze Atemübungen nutzen. Wieder andere arbeiten mit Balance-Boards oder ähnlichen Methoden, die den Fokus kurzfristig auf etwas völlig anderes lenken.
Was wäre das bei Ihnen, was Sie gedanklich den Kontext wechseln lässt?
Wichtig ist nicht die Technik, sondern die Unterbrechung des gewohnten Musters. Das Loslassen. Es ist ein Bewusstsein davon, wie es Ihnen geht: Wie es bei Ihnen mit der Energie, der Konzentration aussieht, wo Ihre Grenzen liegen, was Ihnen gut tut, wann Sie Regeneration brauchen, was Ihnen im Job Freude macht …
Dieses Bewusstsein zu entwickeln, halte ich – unabhängig von fachlichen Fähigkeiten – für eine wichtige Führungsaufgabe. Weil dieses Bewusstsein Höchstleistung ermöglicht und das längerfristig.
Die Arbeitswelt wird komplexer, schneller und anspruchsvoller. Deshalb brauchen Führungskräfte nicht noch mehr Durchhalteparolen aus dem vergangenen Jahrhundert. Sie brauchen ein neues Verständnis von Leistung: Nicht härter, sondern wirksamer mit Freude arbeiten.
Ihr Wilfried Weber