Kennen Sie noch Schokoladenzigaretten? Oder den Banjo-Schokoriegel? Den Caramac-Karamellriegel? Ein Artikel in einer Zeitschrift, in dem es ein Ranking der beliebten Süßigkeiten zu lesen gab und auch einige Erinnerungen an Süßes, das vom Markt verschwunden ist, versetzte mich auf eine Zeitreise. Und da Rankingformate sehr beliebt sind, eine Sympathie, die ich als Mensch mit einem Hang zu Zahlen, Daten, Fakten natürlich teile, dachte ich: Ich stelle Ihnen doch einmal mein persönliches Ranking vor.
Nicht „Die besten Hits der 80er“ oder „Die größten Fußballmomente aller Zeiten“ oder eben „Die beliebtesten Süßigkeiten der Deutschen“, sondern „Die besten Hits der Prozessverbesserung“ …
Platz 8 bis 4: Die unterschätzten Tipps aus der Praxis
Auf Platz 8 – oft unterschätzt, aber entscheidend: „Achten Sie auf eine positive Stimmung im Projektteam.“
Ein großer Teil der Projektarbeit entsteht ungeplant, nebenbei oder sogar in der Freizeit. Das funktioniert nur, wenn Motivation, Vertrauen und Wertschätzung vorhanden sind. Kultur schlägt Methode – immer.
Platz 7 behandelt den Umgang mit Unsicherheit: „Prozessverbesserung ist immer ein Abwägen von Chancen und Risiken.“
Das Streben nach 100 Prozent Sicherheit führt fast zwangsläufig zu explodierendem Aufwand und Demotivation. Gute Projekte akzeptieren Restrisiken und treffen Entscheidungen auf Basis ausreichender, nicht auf Basis perfekter Informationen.
Platz 6 verlangt Ihren Mut und Professionalität: „Ändern sich Rahmenbedingungen oder Prioritäten, sollte ein Projekt unterbrochen oder neu freigegeben werden.“
Ein Projekt weiterzuführen, obwohl die Ausgangslage nicht mehr stimmt, ist kein Zeichen von Konsequenz, sondern von Sturheit. Ein sauberer Projektabbruch oder eine erneute Freigabe schützen Ressourcen und Glaubwürdigkeit.
Auf Platz 5 folgt ein methodischer Realismus: „Methoden sollten nur eingesetzt werden, wenn sie das Projekt voranbringen.“
Nicht jede Methode passt zu jeder Fragestellung. Vor jeder Anwendung sollten Sie also ehrlich prüfen, ob sie Erkenntnisgewinn bringt oder nur Aktivität simuliert. Methoden sind Werkzeuge, keine Selbstzwecke.
Platz 4 schließlich widmet sich dem Umgang mit Daten: „Es ist ein Fehler, das Wissen der Beteiligten nicht zu berücksichtigen oder geringzuschätzen. Aber: Die Analyse und Interpretation von Daten und Fakten sollte immer Vorrang vor Methoden haben, welche ausschließlich auf dem Wissen der Beteiligten basieren.“
Workshops, Brainstormings und Expertenrunden sind wertvoll – aber sie ersetzen keine belastbaren Daten. Fakten helfen, Annahmen zu überprüfen und emotionale Diskussionen zu versachlichen. Wer Daten ignoriert, riskiert elegante Lösungen für falsche Probleme.
Platz 3 bis 1: Die Evergreens, die jeder kennt – oder kennen sollte
Platz 3 geht an eine Erkenntnis, die viele Projektteams zunächst irritiert: „Oft war die Lösung schon vor Projektstart bekannt.“
Das ist kein Grund zur Frustration. Vor Projektstart existieren meist mehrere vermeintliche Lösungen nebeneinander. Erst die strukturierte Analyse trennt Bauchgefühl von belastbarer Entscheidung. Das Projekt liefert die Sicherheit, dass genau diese Lösung die richtige ist – und nicht eine der vielen anderen Ideen aus der Kaffeeküche (womit ich nichts gegen Kaffeeküchen sagen möchte).
Auf Platz 2 folgt ein Dauerbrenner: „Für jedes Problem und jede Streuung gibt es Hauptursachen.“
Die Erfahrung zeigt: Ein kleiner Teil der Einflussfaktoren verursacht den Großteil der Abweichungen. Solange diese Hauptursachen nicht identifiziert sind, sind Optimierungen reine Kosmetik. Erst Klarheit über die wesentlichen Treiber macht Maßnahmen wirksam. Alles andere ist Beschäftigungstherapie.
Unangefochten auf Platz 1 steht in meinem Ranking der Golden Oldie der Prozessverbesserung:
„Suchen Sie die Ursachen von Problemen und keine Schuldigen!“
In Unternehmen ist ständig „crime-time“: Es wird also nach dem Täter gesucht, dem Schuldigen. Was aber im Krimi für Spannung sorgt, bringt Unternehmen meist nicht weiter: Wer Schuldige sucht, verhindert Lernen. Wer Ursachen sucht, verbessert Prozesse.
Schuldzuweisungen erzeugen Rechtfertigung, Schweigen und politische Spielchen. Ursachenanalysen dagegen schaffen Transparenz und Lernen. Wenn Sie die Prozesse in Ihrem Unternehmen nachhaltig verbessern wollen, sollten Sie Probleme entpersonalisieren.
Wie bei den großen TV-Rankings gilt auch hier: Über die Reihenfolge lässt sich streiten. Entscheidend ist, dass diese „Hits der Prozessverbesserung“ immer wieder gespielt werden. Denn sie funktionieren – gestern, heute und ganz sicher auch morgen.
Ihr Wilfried Weber
