Ich habe schon lange geahnt, wie groß die Probleme in Unternehmen sind, wenn es um die Qualifizierung der eigenen Leute geht.
Als ich jetzt Zahlen an die Hand bekam – bei einem Webinar, das ich mit einem hochgeschätzten Kollegen durchgeführt habe, wurden die Teilnehmer befragt – war das Ausmaß noch größer, als gedacht.
Denn 50 Prozent der Befragten gaben an, dass sie zwar ein Einarbeitungskonzept haben, das stünde aber nur auf dem Papier und würde nicht konsequent umgesetzt. 50 Prozent!
Und das betrifft „nur“ die Einarbeitung neuer Mitarbeiter – das dramatischste Problem, das Unternehmen mit dem Wissen der Mitarbeiter haben, kam dabei gar nicht zur Sprache.
Dort, wo die Wertschöpfung passiert, gibt es nichts
Ein Konzept, das nicht konsequent umgesetzt wird, ist in meinen Augen kein Konzept. Es ist Show. Es sorgt dafür, dass neue Mitarbeitende schöne erste Tage haben, dass alles hübsch und nett ist. Da wird aufgefahren, was es aufzufahren gibt. Aber der kriegsentscheidende Teil für die Wertschöpfung, das tatsächliche Einarbeiten der Leute, bleibt auf der Strecke.
Noch interessanter fand ich eine zweite Erkenntnis, die sich aus der Befragung der Teilnehmer (immerhin über 150) ergab. Ein großer Teil der Befragten gab an, dass es Einarbeitungskonzepte nur für die obere Ebene gibt, also für Führungskräfte bis hinunter zum Abteilungsleiter.
Unterhalb der Abteilungsleiter aber, dort, wo die Wertschöpfung passiert, gibt es das nicht. Ausgerechnet dort, wo Qualität, Kosten und Zeit entschieden werden, überlässt man die Einarbeitung dem Zufall.
Fragmentierung statt System
Es gibt keinen systematischen Prozess, keine durchdachten, aufeinander abgestimmten Tools und keine Disziplin in der Umsetzung. Was es gibt, und das ist die Ist-Situation in nahezu jedem Unternehmen, in das ich komme: eine unglaubliche Fragmentierung. Hier eine Tabelle, dort ein Tool, irgendwo noch eine Checkliste. Fragmentierte Puzzleteile, die nicht aufeinander abgestimmt sind. Kein System, das strukturiert und systematisch ist.
Hier geht unglaublich viel Wertschöpfung verloren: bei der Einarbeitung neuer Mitarbeiter, bei der Qualifizierung des Bestandspersonals, ob Sie nun Ihre Leute an der Strecke qualifizieren wollen oder Ihre Führungskräfte.
Ohne einen systematischen Qualifizierungsprozess verlieren Sie in Ihrem Unternehmen unglaublich viel Potenzial.
Ein dramatisches Problem für Sie und Ihren Erfolg. Ein Problem, das aber durch eine weitere Entwicklung dramatisch gefährlich wird, unternehmensgefährdend.
Kein HR-Thema, sondern ein Bilanzrisiko
Der demografische Wandel gehört zu den Megatrends, die uns die nächsten Jahre und Jahrzehnte begleiten werden. Er beschreibt die tiefgreifenden Veränderungen der Bevölkerungsstruktur: Alterung, Migration, neue Lebensentwürfe.
59 Prozent der über 55-Jährigen in der Fertigung gehen in den nächsten fünf Jahren in Rente. Was dabei oft übersehen wird: Mit den Menschen geht Wissen. Und dieser Wissensverlust ist kein Thema, das man irgendwann einmal angehen kann. Es steht vor der Haustür und kommt mit brutaler Wucht.
Wenn das Wissen einmal aus dem Unternehmen raus ist, können Sie es nicht wiederholen. Es ist weg.
Und was dann weg ist, ist kein Wissen, auf das Sie verzichten könnten. Es ist unverzichtbar für Ihren Erfolg, für Ihre Zukunft, es ist, wie ich es nenne, erfolgskritisches Wissen. Und was die Lage noch dramatischer macht: Kaum ein Unternehmen weiß, was in seinem speziellen Fall das erfolgskritische Wissen ist.
Aus diesem Grund ist die Rentenwelle kein HR-Thema, sondern ein Bilanzrisiko: Es geht an die Substanz des Unternehmens.
80 Prozent des Wissens sind unsichtbar
Das Wissen, auf das es in Ihrem Unternehmen ankommt, ist entweder explizites oder implizites Wissen.
Explizites Wissen ist dokumentiert: in Handbüchern, Arbeitsanweisungen, Systemen. Implizites Wissen tragen die Menschen im Kopf, in den Händen, im Gespür für die Maschine. Nach gängigen Schätzungen macht dieses explizite Wissen nur etwa 20 Prozent aus. Rund 80 Prozent sind implizit.
Vier Fünftel des Wissens, das Ihr Unternehmen am Laufen hält, gehen abends mit durch die Werkstor-Drehkreuze nach Hause. Und eines Tages kommen die Menschen nicht mehr zurück, weil sie in Rente sind.
Ich habe irgendwo den Begriff „Unternehmensdemenz“ gelesen und finde ihn treffend. Demenz bedeutet im Kern: vergessen. Ein Unternehmen vergisst, wie es seine Produkte herstellt, wie es Störungen behebt, worauf es bei seinen Kunden ankommt.
Und das Vergessen kommt nicht mit einem Knall. Es fängt schleichend an: Die Fehlerquoten steigen, weil langjährige Mitarbeitende fehlen. Es gibt längere Ausfallzeiten. Man braucht plötzlich länger, um auf die Ursache eines Problems zu kommen. Es entstehen Zeitverluste. Kundenbeziehungen leiden und gehen im schlimmsten Fall verloren. Marktanteile schrumpfen.
Irgendwann wird es existenziell. Und ich habe den Eindruck, in vielen Fällen verstehen die Entscheider in Unternehmen nicht, wie ernst die Lage schon jetzt ist.
„Wir machen doch schon viel!“
Draußen am Markt herrscht Unruhe, überall heißt es: Kosten, Kosten, Kosten senken. Und was passiert im Management, sobald das Thema Mitarbeiterentwicklung auf den Tisch kommt? Es geht um Kosten – und ein Satz taucht wie ein Mantra, das beruhigen soll, immer wieder auf: „Wir machen doch schon viel.“
Nein, machen sie nicht. Das sagt meine Erfahrung. Das sagt mein Bauchgefühl. Das sagen die Zahlen, wie ich sie bei der Umfrage erfahren konnte. Es gibt keinen systematischen Prozess, der das erfolgskritische Wissen im Unternehmen identifiziert. Es gibt keinen Prozessablauf mit fest etablierten, nachprüfbaren Phasen, der dafür sorgt, dass der Schatz des erfolgskritischen Wissens gehoben und weitergegeben wird.
Erfolgskritisches Wissen ist das Wissen, das maßgeblich auf die Leistung in Bezug auf Qualität, Kosten und Zeit einzahlt oder sie beeinflusst. Es ist entscheidend für Ergebnisse und Wertschöpfung. Es ist ein wesentlicher Faktor für Wettbewerbsfähigkeit. Und dieses Wissen hängt an Ihren Mitarbeitern.
Das ist etwas, was viele Führungskräfte zu spät verstehen. Sie begreifen den Wert ihrer Leute allerdings erst, wenn sie weg sind. Doch dann ist es zu spät.
Lassen Sie es nicht so weit kommen. Machen Sie aus Ihren neuen Mitarbeitern die Könner, die Sie für Ihr Unternehmen brauchen. Sorgen Sie dafür, dass der Wissensschatz Ihrer verdienten Mitarbeiter nicht verloren geht. Melden Sie sich gerne bei mir, wenn Sie mehr über einen etablierten, bewährten, systematischen Prozess erfahren möchten, um das erfolgskritische Wissen in Ihrem Unternehmen zu heben und zu fördern.
Ihr Wilfried Weber
