„Moment mal – es läuft ja deutlich mehr gut als schlecht?“ Solche erstaunten Sätze fallen in Retrospektiven in Projekten häufig. Oft schauen sich Führungskräfte und Mitarbeiter die gemeinsam geleistete Arbeit und den zurückgelegten Weg an und stellen eben genau das überrascht fest: Die Liste der Erfolge, Verbesserungen und funktionierenden Abläufe ist tatsächlich wesentlich länger als die der Probleme!
Ich finde das toll, solche Momente zu erleben. Aber das ist nicht der Grund, weswegen ich Ihnen heute davon erzähle. Ich erzähle Ihnen das, weil in solchen Momenten „was geht“.
Denn mag diese Erkenntnis, dass das Gute die Probleme überwiegt, auch banal klingen. Tatsächlich erlebe ich immer wieder, dass ein solcher Moment für ein Projekt und ein Unternehmen zu einer entscheidenden Weggabelung wird, an der das Team in Richtung Erfolg abbiegt.
Warum? Weil der Mannschaft bewusst wird, dass sie zuvor oft dem eigenen Erfolg selbst im Weg stand!
Warum in Unternehmen Erfolge oft übersehen werden
Veränderungen lösen zunächst fast immer Skepsis aus. Das gilt für Mitarbeiter ebenso wie für Führungskräfte. Neue Strukturen, neue Verantwortlichkeiten oder neue Arbeitsweisen werden häufig zuerst kritisch betrachtet. „Was hat das jetzt für Auswirkungen auf mich?“, „Ändert sich mein Tag?“, „Muss ich was Neues tun?“
Das ist menschlich. Unser Gehirn bewertet Risiken stärker als Chancen. Deshalb wird häufig über die zwei Dinge gesprochen, die nicht funktionieren, während die 20 positiven Entwicklungen kaum Beachtung finden. Rund 8.000 Flugzeuge landen und starten täglich in Deutschland. Wir lesen aber nie in der Zeitung: „Hey super, heute sind in Deutschland 7.999 Flugzeuge sicher gelandet und gestartet!“ Wir lesen nur von der einen oder sprechen nur von der einen Maschine, bei der es nicht rund lief.
In vielen Unternehmen beobachte ich genau dieses Muster: Teams leisten jeden Tag gute Arbeit, verbessern Prozesse, entwickeln Lösungen und übernehmen Verantwortung. Gleichzeitig entsteht in Besprechungen oft der Eindruck, als würde kaum etwas funktionieren.
Die Aufmerksamkeit liegt – um es bewusst deutlich auszudrücken – oft auf der „Scheiße“, die gerade schiefläuft.
Das Problem dabei: Wer dauerhaft nur auf Defizite schaut, verliert nicht nur den Blick für die tatsächlichen Fortschritte. Er nimmt sich und seiner Mannschaft auch die Chance, zu lernen, sich weiterzuentwickeln, als Mannschaft wirklich top zusammen zu funktionieren und dabei auch noch Freude zu haben.
Retrospektiven schaffen einen neuen Blick auf die Realität
Mit regelmäßig und systematisch durchgeführten Retrospektiven durchbrechen Sie dieses Muster.
Dabei geht es nicht um Wohlfühlveranstaltungen oder darum, Probleme schönzureden. Im Gegenteil: Schwierigkeiten werden klar benannt und konsequent bearbeitet. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass auch systematisch betrachtet wird, und das macht Retrospektiven zum Führungstool, was bereits gut funktioniert.
Dieser veränderte Fokus macht etwas mit der Mannschaft. Deswegen sind es gerade die positiven Entwicklungen, die verstärkt werden sollten. Das Erstaunen, dass das Positive überwiegt, sorgt für gute Stimmung, für eine größere Offenheit, für mehr Geduld im Umgang untereinander. Es sorgt für ein Bewusstsein, das Ihre Leute leistungsbereiter und leistungsfähiger macht.
Das können Sie an den Zahlen sehen, die Effekte zeigen sich aber auch in der Kultur Ihrer Organisation. So berichten mir Mitarbeiter von klarerer Kommunikation, eindeutigeren Verantwortlichkeiten, schnellerer Akzeptanz gemeinsam erarbeiteter Standards. Es wird ruhiger im Team, weniger Lärm, weniger Rechtfertigung, mehr verbindliche Sprache statt vager Andeutungen. Unangenehme Themen werden offen angesprochen, weil das Vertrauen dafür da ist.
Führungskräfte berichten mir, dass sie weniger reaktiv unterwegs sind, weniger „Feuer löschen“ und mehr Zeit für tatsächliche Wertschöpfung haben.
Betonen möchte ich aber eines: Ziel der systematischen Retrospektiven und dass Ihre Leute bewusst den Fokus auf das Positive legen, ist nicht, Fehler zu beschönigen oder gar unter den Tisch fallen zu lassen. Was schlecht läuft, bleibt schlecht und wird benannt, verbessert oder abgeschafft. Aber es bekommt nicht mehr die alleinige Deutungsmacht über das Selbstbild des Teams.
Systematisches Lernen statt zufälliger Erkenntnisse
Retrospektiven schaffen somit ein Bewusstsein für die eigene Wirksamkeit, und das motiviert.
Wenn Ihre Mannschaft die eigenen Ergebnisse systematisch betrachtet, erkennt sie, was tatsächlich passiert. Sie sehen klarer, was gut, was mittelmäßig und was nicht zufriedenstellend läuft. Und sie werden fähig, aus all dem die passenden Rückschlüsse zu ziehen, die für mehr positive Wirkungen und mehr Erfolg sorgen.
Führung bedeutet also, den eigenen Blick und den Blick seiner Mannschaft bewusst zu lenken.
Führungskräfte schaffen somit Räume, in denen Erfolge sichtbar werden. Mit regelmäßigen, systematisch durchgeführten und angeleiteten Retrospektiven fördern sie eine Kultur, in der Teams aus Erfahrungen lernen, statt nur auf Schwierigkeiten zu reagieren.
Wer seine Mannschaft regelmäßig dabei unterstützt, Erfolge bewusst wahrzunehmen und daraus zu lernen, verändert die Art und Weise, wie Menschen zusammenarbeiten. Teams arbeiten strukturierter, fokussierter und näher an der Wertschöpfung, da geht dann wirklich was …
Ihr Wilfried Weber
