„Glatt die Orga vergessen“ – da nützt die schönste Produktionsstätte nichts

Was für ein schönes neues Werk. Die Anlagen und die Technik nur vom Feinsten. Hochmodern. Viel Platz. Klimatisiert. Super Ausstattung. Klasse Gebäude und Raumnutzung. Ich war begeistert von der Produktionsstätte, die mein Kunde dort auf die Beine gestellt hatte.

Aber Sie ahnen es, sonst hätte mich der Kunde ja nicht gerufen: Das ganze schöne Werk lief nicht rund. Fehler über Fehler bei der Produktion. Sie waren nicht lieferbereit. Blieben hinter dem Soll bei Quantität und Qualität.

Weil sie an alles gedacht haben, nur nicht daran, auch die passende Organisationsstruktur aufzubauen. Sie hatten schlicht und ergreifend die Orga vergessen. Wahnsinn. Aber beileibe kein Einzelfall …

Organisation aus der Steinzeit

In der Lebensmittelindustrie wird ständig optimiert – und das ist ja auch extrem wichtig: Produktionsprozesse, Rüstzeiten, Maschinen, Lieferketten. Doch während technologische Innovationen und Effizienzsteigerungen Priorität haben, gerät ein entscheidender Faktor oft in den Hintergrund – die Organisationsstruktur.

Da investieren Unternehmen Millionen in modernste Werke, doch die organisatorischen Rahmenbedingungen stammen aus der Steinzeit.

Zum Beispiel orientiert sich die Organisation nach Berufsgruppen, sie sollte aber nach Prozessen aufgebaut sein.

Oder in einem Werk wird mit der Anzahl der Personen gestartet, als ob die Produktion schon lange optimal sei. So als wenn nur einer ins Werk gehen muss, er drückt den Lichterschalter, Maschinen starten und es läuft … Aber so läuft es eben normalerweise nicht. Und dann fehlt es an Leuten, die sich um dieses Firefighting und Troubleshooting kümmern können.

Hastig werden dann gerne neue Leute eingestellt, um die Probleme zu lösen. Aber das ist ein Teufelskreis: Es wird versucht, eine Menge Löcher mit einer Menge Menschen zu stopfen, aber wenn die Organisation nicht stimmt, hilft immer mehr des Selben eben auch nicht.

Das goldene Dreieck der Projektplanung

Meine Theorie, warum wichtige Aspekte einer wirksamen Organisation nicht bedacht werden, ist, dass da Leute in der Projektleitung sitzen, die auf das klassische goldene Dreieck der Projektplanung schauen: Funktion, Zeit, Geld. Und vor allem auch Leute, die von Haus aus als zum Beispiel Ingenieure oder Verfahrenstechniker oder Betriebswirtschaftler den Fokus auf technische oder finanzielle Aspekte haben.

Sie denken in Maschinen, nicht in Organisationen. Und so bleiben entscheidende Fragen unbeantwortet: Wie arbeiten die Abteilungen zusammen? Welche Kommunikationswege gibt es? Welche Prozesse müssen ineinandergreifen? Wer trägt die Verantwortung für eine funktionierende Organisation?

Organisation wird also als nachgelagertes Thema betrachtet, das sich schon „von selbst“ einpendeln wird.

Doch genau das passiert nicht. Ein Unternehmen ist mehr als eine Summe seiner Maschinen – es lebt von seinen Strukturen, Prozessen und Menschen.

Die „Orga“ muss mit an den Tisch

Unternehmen sollten das Thema Organisation genauso ernst nehmen wie die technische Ausstattung.

Wenn Sie also mal ein Werk neu bauen oder ein bestehendes Werk modernisieren oder ein umfangreicheres Projekt planen, dann kann ich Ihnen nur dazu raten: Schauen Sie, dass Sie neben Technikern und Kaufleuten einen Projektverantwortlichen am Tisch sitzen haben, der das Thema Orga auf dem Schirm hat und dafür sorgt, dass die Abläufe auch stimmen.

Und dessen Stimme auch Gewicht hat, wenn es ums Budget geht:

Organisatorische Planung kostet Geld, spart aber langfristig Millionen durch höhere Effizienz.

Eine gut durchdachte Aufbau- und Ablauforganisation, eine dynamische Arbeitsorganisation, die die Prozesse abbildet, gut geschulte Menschen in der richtigen Anzahl an den richtigen Stellen genau dann, wenn sie gebraucht werden.

Organisation ist keine Nebensache, sondern ein zentrales Element, um reibungslos zu produzieren und das gesamte Potenzial Ihres Unternehmens zu entfalten. Damit aus der Begeisterung für schöne Produktionsstätten auch die Begeisterung für schönste Ergebnisse wird – und ich vor Ort überflüssig bin.

Ihr Wilfried Weber

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